Geistige Stärke entwickeln
Wahre Freude und Glückseligkeit sind nicht das Ergebnis von glücklichen Zufällen oder günstigen Lebensumständen. Glücklich zu sein, hat etwas mit unserem geistigen Potential zu tun. Es hängt von der Fähigkeit unseres Geistes ab, aus der "Quelle lebendigen Wassers" (siehe Johannes 4:13-14) zu trinken. "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird das Licht des Lebens haben" (Johannes 8:12). Dieses "Licht des Lebens" möchte ich als "Geistige Stärke" bezeichnen. Sie befähigt uns dazu, unsere Gedanken und unser Handeln zu kontrollieren und zu steuern und ist gleichzeitig eine belebende Kraft, die umso stärker wird, je mehr wir nach dem Evangelium Jesu Christi leben. Sie verleiht uns Macht über uns selbst, nämlich, unsere eigene Persönlichkeit zu formen. Richten wir uns bei diesem Prozess nach der Anleitung dessen, der den Menschen mit all seinen komplizierten und wunderbaren Strukturen geschaffen hat, so haben wir die perfekte Gebrauchsanleitung für ein glückliches Leben.
Die Neigungen des Herzens: Unsere natürlichen Gefühle und Emotionen haben großen Einfluss auf unsere Gedanken, und diese bestimmen unser Handeln. Aus diesem Kreislauf entstehen Verhaltensmuster und Gewohnheiten, die unseren Charakter bestimmen. Glücklich zu sein, hängt wiederum entscheidend vom Charakter eines Menschen ab. Die natürlichen Gefühle und Emotionen sind demnach der Grundstein unserer Persönlichkeit. Man könnte sie auch als die "Neigungen des Herzens" bezeichnen. König Benjamin, ein Prophet aus dem Buch Mormon lehrt uns, dass die "Neigungen des Herzens" beeinflussbar sind: "Denn der natürliche Mensch ist ein Feind Gottes..., wenn er nicht den Einflüsterungen des Heiligen Geistes nachgibt und den natürlichen Menschen ablegt und durch das Sühnopfer Christi, des Herrn, ein Heiliger wird und so wird wie ein Kind, fügsam, sanftmütig, demütig, geduldig, voll von Liebe und willig, sich allem zu fügen, was der Herr für richtig hält, ihm aufzuerlegen, so wie ein Kind sich seinem Vater fügt" (Mosia 3:19). Die natürlichen Neigungen des Herzens können uns demnach zum Verhängnis werden, wenn wir sie nicht mit Hilfe unserer "Geistigen Stärke" formen. Weil dieser Prozess nicht nur schwierig ist, sondern auch unser gesamter geistiger Fortschritt davon abhängt, hat der Herr uns einen "Helfer" zur Seite gestellt, den "Heiligen Geist" . Nun liegt es an mir, die "Einflüsterungen des Heiligen Geistes" zu hören. Habe ich sie wahrgenommen, bleibt noch eine letzte Schwierigkeit - das richtige Handeln. Dieser gesamte Vorgang stellt einen sich ständig wiederholenden Lernprozess dar, der die natürlichen Neigungen meines Herzens beeinflusst. Die Intensität dieser Wirkung ist von meiner "Geistigen Stärke" abhängig.
Der Faktor Mensch: Als ich vor einigen Jahren als "Neuling" in die faszinierende Welt der Computer eindrang, war ich überwältigt von dem Betriebsprogramm "Windows". Mit der Gebrauchsanleitung kam ich nicht so richtig klar, also holte ich mir Rat bei einem "computererfahrenen" Freund. Er brachte mir mit viel Geduld die Benutzungsgrundlagen bei. Eines Abends war ich allerdings mit meinem "Latein" am Ende. Ein blauer Bildschirm mit Warnmeldung in weißer Schrift gab mir zu verstehen, dass ein schwerer Fehler aufgetreten war. Nichts ging mehr. Aber ich hatte doch alles richtig gemacht! Bis heute klingen mir die Worte meines Freundes im Ohr, die er mir als Antwort auf meinen "Notruf" gab. "Ein solcher Fehler wird immer durch den größten Störfaktor eines Computers ausgelöst". Ich wollte wissen, welcher das sei. Die Antwort war ernüchternd: "Der größte Störfaktor eines Computers ist immer derjenige, der ihn bedient".
Der Mensch ist unsagbar komplizierter und was noch hinzukommt, jeder ist einzigartig und individuell strukturiert. Das bedeutet, dass Gefühle und Emotionen, Talente und Fähigkeiten, physische und psychische Belastbarkeit, die Fähigkeit, Erlebnisse zu verarbeiten, die Fähigkeit aus Erfahrungen zu lernen und vieles mehr bei jedem Menschen völlig unterschiedlich ausgeprägt sind. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist dabei die Widerstandsfähigkeit gegen Störeinflüsse.
Von Geburt an befindet sich jeder Mensch in einem Lernprozess, bei dem er sich selbst, meist unbewusst, kennen lernt. Vielfältige Einflüsse aus Erziehung und Gesellschaft formen dieses komplizierte Geflecht unserer genetisch geprägten Persönlichkeit. Es bilden sich Verhaltensmuster, Gewohnheiten und Charaktereigenschaften heraus. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der sich bei diesen Vorgängen selbst beobachtet und analysiert. Aus vielerlei Hinsicht ist das auch gut so. Treten jedoch bei diesem komplizierten Zusammenspiel unzähliger physischer, psychischer und spiritueller Wirkungen Fehler auf, dann ist es unerlässlich, zu analysieren und herauszufinden, wo die Ursachen liegen. Manchmal ist man selbst dazu in der Lage, meistens braucht man dabei Hilfe.
Wenn etwas aus dem Lot geraten ist: Der Mensch ist so beschaffen, dass er Störfaktoren locker widerstehen kann. Da die meisten Fehler jedoch in Unwissenheit oder in guter Absicht passieren, können sich unter Umständen Störfaktoren summieren und so permanent werden, dass ein durchaus gesunder und belastbarer Mensch damit nicht mehr fertig wird. Ist er dann diesen Einflüssen länger ausgesetzt, können bei den komplizierten psychischen Vorgängen tiefgreifende Störungen auftreten. Der betroffene Mensch realisiert das meistens nicht unmittelbar. Er kann die Symptome nicht zuordnen und versucht, weiter den alltäglichen Anforderungen gerecht zu werden. Das führt dazu, dass sich eine Störung tiefer ausprägt. Der nächste Folgefehler ist meistens der eigenmächtige Griff nach Medikamenten, was die Situation langfristig nur verschlimmert. Nicht der letzte Folgefehler ist leider oft eine falsche Diagnose des Hausarztes.
Die Reaktion der Umwelt: Befindet man sich in so einer Situation, ist man nicht mehr der gleiche Mensch wie vorher. Die unmittelbaren Mitmenschen nehmen das oft eher wahr, als man selbst. Weil das menschliche Gehirn von Natur aus im "Schubkastenprinzip" denkt, wird man, in gewohnt oberflächlicher Weise, schnell einem "Schubkasten" zugeordnet. Da man meistens nicht nur viel gereizter, unausgeglichener, frustrierter und überempfindlicher reagiert, sondern auch die Leistungsfähigkeit stark nachlässt, steht auf dem "Schubkasten" dann irgendwann nicht mehr nur "unsympathisch", sondern "schlecht". Ist der Betroffene ein Mitglied der Kirche, kann er den hohen Erwartungen an Leistung und Opferbereitschaft nicht mehr gerecht werden. Dann könnte auf dem Schubkasten "Problemfall" stehen. Je, nach dem, wie erfahren die örtlichen Führer sind, wird er entweder wirkliche Hilfe bekommen, oder es wird versucht, ihn irgendwie zu aktivieren. Letzteres wird auf den Betroffenen wirken, als treten die, von denen er Verständnis und Hilfe erhofft, mit Füßen auf ihm herum.
Wirkliche Hilfe: Eine psychische Störung muss ersteinmal erkannt werden. Dabei kommt der Familie, vornehmlich dem Ehepartner bzw. den Eltern, die wichtigste Rolle zu. Nur ein Facharzt ist dann in der Lage, die richtige Diagnose zu stellen und die Behandlung einzuleiten. Die Schwierigkeit besteht darin, einen guten Facharzt zu finden, denn genau wie in allen Berufen gibt es mittelmäßige und gute Ärzte. Ein mittelmäßiger Arzt wird beim Analysieren der Persönlichkeit schnell die religiöse Überzeugung und die Kirche, die er nicht wirklich einschätzen kann, als großen Störfaktor sehen. Ein guter Arzt wird die religiöse Überzeugung respektieren und in die Behandlung einbeziehen. Ein guter Arzt wird auch die Familie, besonders den Ehepartner bzw. die Eltern einbeziehen. Daran kann man erkennen, wo der Schwerpunkt für wirkliche Hilfe liegt. Nämlich in der Familie. Sie ist ein entscheidender Faktor, von dem der Erfolg der Behandlung abhängt. Ist die Familie nicht in der Lage, diesen Teil zu erfüllen, kann unter Umständen ein erfahrenes Mitglied der Kirche, das Kenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit solchen Krankheiten hat, behilflich sein, vorausgesetzt, dieses Mitglied kann ein Vertrauensverhältnis zum Betroffenen aufbauen. Gibt es in der Nähe jemanden mit diesen Voraussetzungen, kann er auch die betroffene Familie unterstützen. Wichtigtuer und Besserwisser sind hier absolut fehl am Platz! Örtliche Führer der Kirche überschätzen dabei fast immer ihre eigenen Fähigkeiten. Und jeder Fehler hat hier schwerwiegende Folgen. Auch wenn die Hilfe noch so gut gemeint ist, hier gilt grundsätzlich: wer keine Ahnung hat, hilft nicht, sondern verschlimmert! Absolut falsch und folgenschwer ist es, diese Aufgabe den Heimlehrern oder Besuchslehrerinnen zu überlassen.
Vorbeugen ist besser als heilen: Man kann viel tun, um zu verhindern dass das psychische Gleichgewicht aus dem Lot gerät. Gesunde Ernährung, ausreichende Bewegung, gesunder und erholsamer Schlaf, regelmäßige Erholung und Entspannung, geistige Stärke und eine optimistische Lebenseinstellung bilden die Grundvoraussetzungen für ein gesundes und glückliches Leben. Mir gefällt ein Lied von den "Söhnen Mannheims" mit dem Titel "Vielleicht" . An einer Stelle heißt es: "Ich misstraue Übereifer". Einige Menschen neigen von Natur aus dazu, in einer Sache übereifrig zu werden. Übereifer ist eine Eigenschaft, die zwar ein befriedigendes Gefühl hinterlässt, aber den Blick für das Ganze trübt und den besten Nährboden für psychische Störungen bildet. Übereifer hat nichts mit Fleiß zu tun. Übereifer führt zu Übertreibung und nicht selten zu Rücksichtslosigkeit. Neige ich beim Umgang mit meinem Körper und Geist zu Übereifer, kann es passieren, dass ich Schaden anrichte, obwohl ich versuche, das Richtige zu tun. Jedes Extrem ist schädlich. Nur ein maßvoller Umgang in allem wirkt heilend und gesunderhaltend. (Siehe LuB 12:8)